Teddy & Balu


 

Es war im Frühjahr 2000 als man nach einem grausigen Beißvorfallmit einem Rottweiler in Hamburg und weiteren meist völlig unnötigen Beißvorfällen in einigen Bundesländern die Landeshundeverordnungen (LHV) einführte.

Waren die Sanktionen oder Auflagenteilweise schon grotesk, die Reaktionen der Bevölkerung nach der Medienhetze waren erschütternd. Klar, jeder Vorfall, den es gegeben hatte, war ganz klar einer zu viel. Wir erlebten aber auch, dass zum Beispiel Leute, die unseren Ben regelmäßig gekrault hatten, nunmehr die Straßenseite wechselten, wenn sie uns sahen. Von unserem Haus aus konnten wir unser Pferd auf der Koppel des benachbarten Reiterhofes sehen. Ben war dort ein immer gern gesehener Gast. Bis zu dem Tag, als die LHV in Kraft trat. Ab da hatte man auch auf dem Reiterhof Angst vor ihm und uns wurde untersagt Ben auf dem Gelände mitzuführen. Logisch, unser Wallach zog alsbald in einen anderen Stall.

Doch damit war die Welt ja nicht wieder heil. Es formierte sich eine Protestbewegung(spannend, was wir damals ohne Internet, Facebook und Whats App alles zustande gebracht haben) und es wurde zur ersten Demo vor dem Landtag in Düsseldorf aufgerufen. Moni reiste zusammen mit anderen Kunden unseres Tierarztes nach Düsseldorf. In der Straßenbahn kam sie mit einer Frau ins Gespräch die ein Schild mit der Aufschrift „Welpenwaisenhaus “ mit sich führte und auch auf dem Weg zur Demo war. Im Gespräch ergab sich, dass sie von 2 neu hereingekommenen Rottweiler-Welpen, 2 Wurfbrüdern erzählte (und damit einen Virus setzte). Wieder Zuhause erzählte mir Monika von der Begegnung und den 6 Wochen alten Welpen. Ich hörte sehr wohl die Alarmglocken und protestierte und argumentierte abwechselnd. Monika voll berufstätig als Krankenschwester in Dauernachtwache. Ich teilweise in Wechselschicht. 2 Hunde, 3 Katzen, ein Pferd und ein extrem pubertierender Sohn, was denn noch alles.

So waren wir denn erst mal mit dem Thema durch, zumindest offiziell. Beim Gassigehen oder abends, wenn Moni zum Nachtdienst war, dachte ich öfter an die beiden Racker. 6 Wochen waren sie zum Zeitpunkt der Demo gerade mal alt gewesen. Wie es ihnen wohl gehen mochte? Ob sie schon vermittelt waren? Der verdammte Zettel mit den Kontaktdaten lag immer noch in der Küche. Keiner von uns beiden mochte ihn entsorgen. Blödsinn, geht doch gar nicht. Auf der Arbeit klärte ich, natürlich ohne konkreten Grund, wie viele bezahlte Freischichten ich schon angespart hatte. Ein Arbeitskollege hatte Sorgen. Er sollte bald Urlaub bekommen und wollte einen neuen, großen Taubenschlag bauen.

Das Material war da, aber es gab Verzögerungen durch die Baubehörde. Klar, unter guten Kollegen hilft man sich, wir tauschten den Urlaub womit er meinen Termin im Oktober und ich seinen im August antrat. Der verdammte Zettel lag mir früh um 3.30 beim Morgenkaffee wieder vor der Nase. Nach der Frühschicht mittags beim Pförtner vorbei, rein ín die Telefonzelle (das waren die gelben, verglasten Buden mit einem Münztelefon drin) und in Hennef angerufen. Ja, die beiden Brüder seien noch da hieß es, nachdem ich meinen Namen wiederholen musste.

Den etwas amüsierten Unterton der Dame schrieb fälschlicherweise dem rheinischen Frohsinn zu. Es sollte sich aber herausstellen, dass Moni auch schon nachgefragt hatte. Ein wenig nachdenklich machte ich mich auf den Heimweg. Moni hatte frei und schon bald landete das Gespräch bei den Welpen (Zufall???). Wir nahmen unsere Urlaubspläne, unsere Dienstpläne und sonstige Freizeitoptionen zur Hand und begannen einen Plan zu basteln nach dem unsere Hunde maximal 3 Stunden pro Tag alleine gewesen wären. So hätte es gehen können, aber es war alles nur reine Hypothese, oder? 2 Stunden später wurde in Hennef angerufen und für den nächsten Tag ein Termin ausgemacht, um einen der Racker zu holen. Am nächsten Tag von der Frühschicht nach Hause, 2 Hundesenioren samt Frauchen in unseren Bus gepackt und los ging es. In Hennef angekommen sahen wir zwei zuckersüße Babys in mäßigem Zustand, beide von Durchfall geplagt. Welcher sollte es jetzt werden? Stan, der etwas zartere oder der besser entwickelte Olli. Die Brüder trennen? Nicht mit Moni. Also beide eingepackt und los.  Unseren Senioren stand das blanke Entsetzen im Gesicht.

Vorsichtshalber setzte sich Moni mit ins Hundeabteil, um notfalls eingreifen zu können, es war nicht notwendig. Der erste Weg am nächsten Tag war zu unserem TA um die beiden wegen ihres Durchfalls untersuchen und allgemeinchecken zu lassen. Sehr bald fragte er mit besorgter Miene ob denn eine Rückgabe möglich sei. Vor allem Teddy, wie Stan nun hieß, war in bedenklichem Gesundheitszustand. Sein Bruder Balu, vormals Olli, war ein wenig besser dran.

Es begannen bange Wochen in denen Teddy bis zu 3 mal wöchentlich eingehen wollte. Täglich musste er zum TA, in einer extrem kritischen Phase bis zu 3 mal täglich. In dieser Zeit durchlebte das kleine Würmchen Koxilien, Darmentzündung, Kehlkopfentzündung, Lungenentzündung und immer wieder Durchfälle, wohl nicht zuletzt auch wegen der Hammerdosierungen an Antibiose. Sein Leben lang hingen ihm die Folgen in Form von überempfindlichem Magen- Darmtrakt und im Vergleich zu seinem Bruder deutlich reduziertes Wachstum an. Und unsere Senioren: Es hätte keine besseren Zieheltern geben können. Nach einer Woche hatte Pflegemama Rimo Milch und Pflegepapa Ben, er ließ sich von „seinen“ Jungs alles gefallen. Wenn sie etwas angestellt hatten und wir mit ihnen schimpfen wollten setzte er sich vor uns aufrecht hin und reichte uns zur Entschuldigung seine Pranke. Gar nicht so einfach dann noch konsequent zu erziehen.

Es begann eine harte und sehr abwechslungsreiche Zeit.Die beiden Buben stabilisierten sich langsam, mit der Sauberkeitserziehung wollte sich sehr lange kein Erfolg einstellen.Tag und Nacht alle 2 Stunden raus war selbstverständlich. Aber wenn ich nachts mit ihnen in den Garten ging haben sie sich unter einem Busch zusammengekuschelt und geschlafen. Wieder drinnen hatte ich die Hacken noch nicht richtig im Bett und konnte es schon leise plätschern hören und kurz danach strich mir ein markiges Aroma durch die Nase. Ja, ich hatte ausgiebig Gelegenheit, die beiden zu lieben. Bei Frühschicht klingelte mein Wecker um 3 Uhr, wenn man dann nachts alles gibt um zwei so süße Gauner sauber zu bekommen und dennoch Minen und Pfützen räumen muss dämpft das die Stimmung erheblich. Irgendwann war auch diese Hürde genommen.

Nun ging es mit Nachdruck an die Sozialisierung und Erziehung. Wir nahmen bei der Auswahl der Hundeschuleden Rat eines Polizeihundeführers aus der Nachbarschaft an und haben gut daran getan. In der Welpenspielgruppelief alles super. Während die Jungs mit Artgenossen spielten lag Papa Ben am Platzrand und hat alles beobachtet. In der Junghundegruppe danachwurde es schon schwieriger. Die beiden hatten sich ja gegenseitig und sahen überhaupt nicht ein wozu sie mitmachen sollten. Es half nichts, man musste sie trennen, den einen in die erste Stunde, den zweiten in die zweite Gruppe.

Und weil sich zeigte, dass ich zum Erzieher nicht so recht tauge ging Moni beide Stunden, auch nach 10 Stunden Nachtdienst und anschließendem misten der mittlerweile 2 Pferdeställe. Nach dem Hundeplatz am Sonntagmorgen gegen Mittag ein Kaffee zusammenund dann ins Bett. Ich erwähne das so explizit, weil wir regelmäßigvon in 5- Tage – Woche, womöglich in Teilzeit oder auch gar nicht arbeitenden Leuten zu hören bekommen,  sie könnten es unmöglich schaffen, mehrmals täglich Gassi und womöglich auch noch zur Hundeschule zu gehen. Ach ja, genau an d e m 11.  September 2001 stieß die 17 Monate alte Ronja zu uns, nachdem wir von dem tollsten Rüden der Welt, unserem Ben, Abschied nehmen mussten.

Auch für Ronja galt die Leinen- und Maulkorbbefreiung nur bis zum 24. Lebensmonat. Danach war für die Fortschreibung eine erfolgreich absolvierte Begleithundeprüfung obligat. Toll, Ronja, bildschön, hochintelligent, kannte außer: „gib mir fünf“ oder: „willst du Leckerchen“ überhaupt nichts. Um nicht abzuschweifen, Ronja hat mit Teddy die Prüfung am gleichen Tag mit Bravour abgelegt, Balu wegen der Reglementierung eine Woche später.

Ja, es war eine harte, aber trotzdem wunderschöne Zeit und nochmals ja, das meiste unseres Wissens über Hundeerziehung haben uns diese beiden Ganoven vermittelt. So manches Mal standen uns die Haare zu Berge. So Manches Mal waren wir auch niedergeschlagen und wussten nicht mehr wie nun zu verfahren sei. So manche Episode haben die Bärchenbrüder geliefert und natürlich hat es auch Material gekostet.

So fand Balu den Perserteppich blöd und machte sich mit Eifer daran die Fransen abzuknabbern, mal hat Teddy einen guten Quadratmeter der Wohnzimmertapete abgepult und so den Nachweis erbracht, dass es nur Strukturtapete und nicht, wie wir glaubten, Strukturputz war. Ein anderes Mal kam ich von der Fühschicht heim und traf die zwei im Wohnzimmer beim Fernsehen an wobei einer von ihnen wohl die Fernbedienung vom Tisch geangelt hatte und damit den Fernseher startete. Leider war die Fernbedienung von so elender Materialqualität, dass sie dabei zerrkrümelte. Auch den Buchhalter Balu durfte ich erleben.Was war geschehen: Ich kam von der Arbeit und es war ungewöhnlich still im Wohnzimmer. Keiner kam, um mich zu begrüßen.

Teddy lag auf einer Hundedecke neben Rimo. Beide sahen mich an als wollten sie mir sagen: „das waren wir nicht“. Papa Ben setzte sich vor mir hin und streckte seine Pranke entgegen. Tja, und mein geliebter Balu lag mitten im Wohnzimmer und hatte einen zerkrümelten Bleistift, einen arg lädierten Block und unseren Tischrechner vor sich. Hin und wieder tippte er mit seiner Pfote auf die Tastatur und schaute dann ganz interessiert auf das Display. Da sah so süß aus, jetzt zu schimpfen war ein kleines Kunststück.Im Gesamten betrachtet war es wohl so dass Teddy, wohl bedingt durch seine Krankheit in den ersten Wochen, sich zu 100% an Moni orientierte.

Ich hatte bei ihm nichts zu melden. Bevor ich mit ihm zum Gassigang starten konnte musste Moni in Deckung gehen oder ihm klare Anweisung geben, er solle mit mir gehen. Egal ob in der Hundeschule oder draußen, in Sachen Gehorsam war er der Musterknabe. Balu war größer undstand auch im Gehorsam, war aber trotzdem aus anderem Holz geschnitzt. Gaben wir unterwegs das Kommando „Sitz“ saß Teddy sofort und schaute um sich, warum er wohl absitzen musste. Von Balu kam dann ein Blick zu ihm als wolle er seinen Bruder „Streber“ nennen. Balu schaute erst einmal um sich ob es irgendwo Action geben könnte oder warum er absitzen sollte und setzte sich danach hin. Obwohl aus einem Wurf, waren sie grundverschiedene Charaktere.

Ich erwähnte ja schon, die Jugendzeit der beiden war für uns eine Herausforderung. Weil wir unsere Sache gut machen wollten haben wir unsere Hundetrainerin immer wieder um Rat gefragt und so kam es, dass sie uns von Aldington das Buch Was tu ich nur mit diesemHundempfahl. Manchmal passt es halt nicht so mal eben ein Buch für 35 DM zu kaufen und darum habe ich es mir von einer anderen Bekannten ausgeliehen. Es war Balu´s Markenzeichen, wann immer etwas geschah das in Büchern über Hundeerziehung anders beschrieben wird war mein Balu nicht weit. Böse war er niemals, aber erschien sich mit aller macht gegen das Erwachsenwerden zu stemmen und hatte immer irgendwelchen Unfug auf Lager.

So verwundert es wohl nicht, dass Balu sich um Fortbildung bemühte, weil ja bekanntlich Wissen Vorsprung schafft. Unseligerweise hat er eben dieses Buch geangelt und „gelesen“. So, nun stand ich da. So konnte ich es nicht zurückgeben, ein neues Exemplar musste herbei. In der Buchhandlung der nächste Schock: Das Buch war vergriffen, nicht mehr im Handel. Ich telefonierte mit dem Verlag. Nachdem ich meine Misere geschildert hatte war man bereit mir von der „eisernen Reserve“ 2 Exemplare zu liefern. Meine Güte, war ich froh.

Mit knapp 7 Jahren wurde Balu plötzlich sehr vernünftig und pflegeleicht. Wir verfielen dem Irrglauben er würde nun endlich erwachsen. 2 Monate später war er tot. Er hatte einen riesigen Milztumor mit Metastasen auf der Leber. Teddy haben wir daraufhin auch untersuchen lassen und auch bei ihm wurden Veränderungen an der Milz festgestellt. Wir haben sie engmaschig beobachtet und mit Hilfe unserer THP behandelt. So konnte Teddy knapp 11 Jahre alt werden. DieErlebnisse mit den beiden könnten ein Büchlein füllen.

Den Part, welchen Einsatz wir, aber vorrangig Monika, zur Erziehung zunächst der beiden und später aller drei Racker gebracht haben habe ich nicht etwa so ausführlich geschildert, um zu jammern oder Lob bzw. Bedauern zu ernten. Ich will damit aufzeigen was man schaffen kann, wenn man es ernsthaft will. Bewegen muss man seinen Hintern schon. Eben weil wir es in verschärfter Form durchgestanden haben finden diejenigen, deren Hund sofort weg soll sobald das erste Problem auftaucht, kein Mitleid. Mein Vater lebte nach dem Leitsatz: „Ich muss es, ich will es, also kann ich es“.So manche Krise habe ich schon nach diesem Motto gemeistert.