Diego


 

Im Februar 2011 stieß Diego als Wunschpartner unserer Enya aus dem Tierheim zu uns. Was wussten wir über Diego?

Er war ein stattlicher Rüde von 6 Jahren der wohl seine Baustellen haben sollte weshalb es nicht gelungen war ihm in einem Jahr zu vermitteln was für den Wesenstest nötig ist. Er war im TH gelandet, weil sein Vorbesitzer für längere Zeit „auf Montage“ hinter Gittern wandern musste und es nicht geschafft hat den Jungen vorher zu vermitteln. Er hatte schon einmal den Wesenstest versiebt, fünf Gassigänger hatten kapituliert und das Personal hatte Angst vor ihm. Nun, der Wesenstest ist für Mc-Pom kein Kriterium. Auch unser Hugo wurde von herbeigerufenen Tierheimmitarbeitern für gefährlich erklärt und es wurde angeraten ihn zu erschießen. Nur wer ihn hier kennenlernen durfte kann die Unfassbarkeit ermessen. Also, auch kein schlüssiges Argument gegen Diego. Wir sagten ja, regelten die Formalitäten und es fehlte nur noch der rote Teppich zu unserem Auto. Autofahren war wohl nicht so ganz Diegos Welt und ist es bis zum Schluss nicht geworden. Er wanderte jeweils während der Fahrt unruhig im Hundeabteil hin und her. Um es vorweg zu nehmen.

Diego war ehrlich und direkt wie ein alter hanseatischer Kaufmann. Zuhause angekommen, nach einer kurzen Runde über unser Hofgrundstück ging es ins Haus um seinen neuen Lebensbereich kennen zu lernen. So, jetzt mal einen Kaffee zum runterkommen für uns. Irrtum, Kaffee ja, runterkommen nein. Ehrlich und direkt wie Diego war begann er unverzüglich sein Köfferchen auszupacken. Im Fünfminutentakt wurden Monika und ich im Wechsel von ihm bestiegen. So einen Bären, den man noch nicht kennt, dem aber ein gewisser Ruf vorauseilt abzuwehren ist schon etwas mulmig. Egal, wir zogen durch. Am nächsten Morgen erster Gassigang. Vorsichtshalber gingen wir zu zweit und zum Testen erst mal nur über unsere Koppeln. Kaum 20 Meter vom Tor entfernt drehte sich Diego unvermittelt um, verbiss sich in seiner Leine und schüttelte sie so heftig, dass ich Mühe hatte die Kontrolle zu behalten. Dabei arbeitete er sich langsam an der Leine hoch und geriet immer mehr in Rage. Es war ziemlich ungemütlich. Nur mit großer Anstrengung gelang es mir Diego zum nächsten Baum zu bugsieren und die Leine, um den Stamm zu binden.

Moni flitzte derweil zum Haus und besorgte einen Maulkorb. Den Maulkorb ließ er sich recht problemlos aufsetzen. Erschöpft, erschüttert und auch enttäuscht gingen wir noch ein Stück, aber alsbald wieder zum Haus zurück. Wieder im Haus versuchte Moni aus dem TH telefonischen Rat zu bekommen. Von „Diego kennen wir nicht“ bis „die Kollegin ist nicht erreichbar“ bekam sie alles was nichts hilft. Es war aber auch Samstag und somit wohl nur Notbesetzung. „Das kann ja heiter werden“. Was wir nicht ahnten, es wurde heiter. Diego hat schlussendlich von unseren Gästen den Titel „Küchenopi“ verliehen bekommen und niemand wollte glauben wie steinig der Weg dorthin war. Am Nachmittag nahm sich Monika Diego und zog ihn mit k-9 Geschirr, Leine und Maulkorb komplett an und ab ging es auf unsere große Auslaufwiese.

Nach Hundeplatzmanier hat sie mit Diego verschärften Gehorsam/Unterordnung regelrecht exerziert. Arbeitsfreudig sieht anders aus, aber er war nicht dumm. Er schien Monis Ultimatum verstanden zu haben das ganz klar festlegte: Entweder er lässt bis Sonntagabend erkennen dass er sich ändert oder es geht am Montag zurück ins Tierheim ( hahaha, doch nicht bei Moni). Am Montag stand für Moni ein schon länger disponierter Termin in der Lübecker Uniklinik an zu dem ich sie nicht alleine fahren lassen wollte. Diego mit Enya alleine Zuhause lassen war uns nach den bisherigen Erfahrungen zu mulmig.

Beide im Auto stundenlang sitzen lassen zu müssen war auch keine Option. Also Teddy und Nena den Ausgang zum Innenhof offengelassen (es war Februar), Enya den Ausgang der Veranda offengelassen und Ronja in einem weiteren Sektor des Grundstücks in den Wohnwagen mit offener Tür postiert. Diego reiste also mit nach Lübeck. Auf der Autobahn fiel uns auf das Diego regelrecht in sich zusammen zu sinken begann. Die ersten Entfernungsangaben nach Hamburg tauchten auf, Diego wurde kleiner. Die nächste Tafel zeigte, Hamburg rückt näher, und Diego schien zu denken: Mist, die machen Ernst. In Lübeck angekommen wirkte der Bursche ziemlich schockiert.

Moni verschwand im Klinikum und ich fuhr mit Diego zu einem Kumpel, der in einer Siedlung gegenüber dem Klinikum wohnt. Dort standen wir superruhig unter dem Carport auf Abruf. Es dauerte einige Stunden und es half nichts, Diego brauchte mal Auslauf. Also Maulkorb drauf, Geschirr mit Leine und ab in den nahegelegenen Park. Es begegneten uns viele Menschen ohne Probleme, Hunden wich ich vorsichtshalber aus und es lief deutlich besser als befürchtet. Man kann sich kaum vorstellen wie glücklich Diego war als er wieder auf unserem Grundstück aussteigen durfte.

In den folgenden Tagen hat Moni noch weiter mit ihm gearbeitet und wir fanden heraus dass er, wenn er sich mal wieder in der Leine verbissen hatte, am schnellsten aus der Situation herauszubekommen war wenn die Leine keinen Zug mehr hatte man also den Bügel am K-9 Geschirr fest in die Hand nahm und dann die Leine fallen ließ. Diese Macke hat er bis zuletzt beibehalten. Hatte er freien Auslauf so tigerte er anfangs immer rund um die Wiese am Zaun entlang wie ein Wachhund und er reagierte, wenn fremde Personen in Sicht kamen. So langsam ergab das Puzzle ein Bild. Offenbar war Diego Wachhund mit Familienanschluss gewesen.

Er war vom ersten Moment stubenrein (abgesehen von der bei Rüden üblichen „Anmeldung“). Scheinbar lebte er irgendwo im Industriegebiet. Vorbeifahrende Autos, auch 40- Tonner in 2m Distanz, ließen ihn kalt. OK, aber das mit den fremden Menschen mussten wir in den Griff bekommen. Was, wenn wir doch einmal Besuch bekamen? Zu der Zeit lebten wir noch deutlich zurückgezogener als heute. Besuch war eine Ausnahme, somit war es schwierig zu trainieren. Hierbei war unser Hufschmied ein wunderbarer Trainingsgast.

Er maß locker zwei Meter in der Höhe und einen Meter in der Breite. Hände, so groß wie Klodeckel. Bei dem kalten Wetter nahm er nur zu gerne die Einladung zum Kaffee in der Küche an. Diego bekam einen Maulkorb aufgezogen und der Schmied ein paar Infos. Diego hat den Schmied skeptisch gemustert als warte er auf den passenden Moment und bekam gleich die Ansage von ihm man könne gerne miteinander kuscheln, ansonsten……………., die vorgehaltenen Klodeckelhände waren wohl aussagekräftig genug. Die beiden waren letztlich so etwas wie Freunde.

Die Jahre liefen und Diego wurde grau und später sogar weiß um seine Schnauze. Gravierender war sein Cushing- Syndrom und besonders die Tatsache dass er taub wurde. Wiederum später, nachdem seine Enya verstorben war, lebte er völlig stressarm, weil er dement wurde. So ergab es sich, dass ich zunächst wegen Enya und anschließend wegen Diego insgesamt runde 3 1/2 Jahre auf einer Klapppritsche in der Küche geschlafen habe, um zur Stelle zu sein, wenn Diego mal wieder raus wollte, wobei nie klar war ob er sich lösen musste oder wegen seiner Demenz mal wieder die Nacht zum Tage machte. So hatte ich eine abwechslungsreiche Zeit, in der es bis zu 5 oder 6mal in der Nacht sein konnte, dass er raus wollte.

Wie schon gesagt, keineswegs war es sicher, dass er sich lösen musste. Wegen seiner Demenz stand er oftmals einfach regungslos da und starrte vor sich hin was bei Regen bedeutete, dass ich ihn anschließend trockenrubbeln durfte was unmöglich war ohne seine nasse Rübe zwischen die Beine gesteckt zu bekommen, wo er sie sich dann selber trocken gerubbelt hat. Das so vermittelte Feeling eines Bettnässers wusste ich ehrlich gesagt ganz und gar nicht zu schätzen.

Bedingt durch seine Taubheit war es auch notwendig immer mit ihm nach draußen zu gehen da man ihn ja nichtmehr abrufen konnte. Wir haben, als wir bemerkten, dass sein Gehör nachlässt, beizeiten ein paar Handzeichen als Kommandos mit ihm einstudiert. Damit er diese Zeichen auch sehen konnte musste man wegen seiner immer trüber werdenden Augen in seiner Nähe sein. Wie grotesk muss die Szenerie auf die rundum ansitzenden Jäger gewirkt haben wenn ich nachts im Schlafanzug bei Scheinwerferlicht, womöglich bei Sturm oder/und Regen, wie ein Pantomime mit den Armen gerudert habe um Diego Handzeichen zu geben.

Es ist wohl besser, wenn ich niemals erfahre was sie von mir gedacht haben. Der stolze Hanseat hat es sich bis zuletzt nicht nehmen lassen „seine“ Gäste zu begrüßen. Selbst an seinem letzten Tag, als ihn die Kräfte endgültig verließen und er draußen im Schnee zusammen gebrochen war hat er gebrummt als wir ihn ins Haus getragen haben. Als ein paar Stunden später die Tierärztin eintraf, um ihn zu erlösen hat er sich hochgequält um sie wie all seine Gäste an der Eingangstür zu begrüßen. Ein Mann von Welt an dem sich manch einer ein Beispiel nehmen könnte. Mit14 ½ Jahren hat er für einen Rottweiler wahrhaft ein stolzes Alter erreicht. Hier auf dem Rottweiler- Gnadenhof hält er bis dato den Altersrekord.