Chico


 

Unsere Seite hier war noch relativ unbekannt als wir einen Anruf aus dem TH bekamen. Ein Pfleger meldete sich und fragte noch ob bei uns Plätze frei wären. Als Moni bejahte erzählte er uns von seinem Sorgenkind. Es handelte sich um einen Rottweiler-Rüden, 9 Jahre alt, super lieb, aber körperlich ein Wrack.

Der arme Teufel war Jahre lang in seinem Zwinger eingesperrt gewesen und hatte den die ganzen Jahre nicht verlassen. Dementsprechend hatte er keinerlei Muskulatur, unendlich Gelenkprobleme und konnte kaum laufen. Eine Vermittlung schien ausgeschlossen und man erwog eine Euthanasie, um ihm wenigstens den Tierheimstress zu ersparen. Sein Pfleger hatte Chico ins Herz geschlossen und er suchte nach einem Platz wo Chico noch ein paar schöne Wochen haben konnte. Nachdem wir geklärt hatten, dass wir das nicht kostenlos stemmen könnten hat der Pfleger für Chico bei seinen Vorgesetzten regelrecht gebettelt bis sie zugestimmt haben.

So reiste Chico mit seinem Pfleger und einem Fahrer bei uns an. Oh Gott, was hatten die Menschen angerichtet. Chico torkelte mehr als er lief und brach nach 10 Metern zusammen. Er war ein bildschöner, zuckerlieber Kerl. Es war August und die Leute waren wenig optimistisch, dass er am 2. Oktober seinen Geburtstag erleben würde, Weihnachten aber auf gar keinen Fall, das sei ausgeschlossen.

Um es vorweg zu nehmen. Chico hat ganze 3x mit uns Weihnachten gefeiert. Chico hatte an allen typischen wie auch an untypischen Stellen riesige, rissige Liegeschwielen. Etliche davon waren aufgeplatzt weshalb er Blut verlor wo er ging, stand oder lag was wohl auch mit ein Grund für seinen taumeligen Gang gewesen sein dürfte. So hieß es also mehrmals täglich diese Stellen mit Wund- und Heilsalbe einreiben. Das wiederum war ihm wohl unangenehm, sicherlich tat es ihm trotz aller Vorsicht weh, weshalb er die Prozedur mir markerschütterndem Gegurgel kommentierte. Es dauerte lange bis das Letzte „Leck“ verheilt war. An den folgenden Tagen nach Chicos Ankunft wurde unsere Streuobstwiese gemäht.

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Das Schnittgras haben wir mit Holzrechen zusammengeharkt und Schubkarrenweise auf die Koppel nebenan gekarrt wo sich die Mutterkuhherde darüber freute. Chico zeigte sich als sehr anhänglich. Er lag im Gras in unserer Nähe während wir das Gras zusammenharkten. War eine Schubkarre voll so versuchte er mitzulaufen, so weit seine Beine ihn trugen. Nach jeder Runde hatte er ja Gelegenheit sich auszuruhen. So wurden die Abschnitte, die er mitzulaufen schaffte immer länger. Später nahmen wir erst eine zweite, dann eine dritte Karre hinzu und änderten den Rhythmus indem wir erst zwei Karren vollmachten. Während ich, von Chico eskortiert, die erste Karre leer fuhr und danach die zweite, hat Moni die dritte vollgemacht, die ich dann auch noch mit Chico zusammen ausgeleert habe.

Ja, der kleine Kerl hat so verbissen trainiert, es war eine Wonne. Waren dann alle drei Karren leer haben wir wieder zusammengeharkt wodurch Chico die dringend notwendige Erholungspause bekam. So hat der Bub quasi in Eigeninitiative seinen Muskelaufbau angeregt. Klar, Moni hat zur Unterstützung seiner Gelenke Grünlippmuschel etc. dem Futter zugesetzt. Es war einfach eine Freude zu sehen wie der Junge kämpfte und immer mobiler wurde. Nach den ersten vorsichtigen Gassirunden zeigte er soviel Lebensfreude und bettelte regelrecht um größere Runden. Es war wundervoll. In Spitzenzeiten ist er fast 2 Stunden mit mir marschiert, was nicht heißen soll, dass er keine Beschwerden mit seinen Knochen hatte.

Aufstehen oder Hinlegen machte ihm Probleme und sicherlich schmerzten die Gelenke auch beim Laufen aber seine neu gewonnene Lebensfreude half ihm das alles zu überspielen. Chico war ein Schatz und ganz bald der Liebling aller Gäste. Um herauszufinden wie es wirklich um sein Knochengerüst steht und ob man ihm irgendwie besser helfen könnte haben wir Chico in der TiHo in Hannover vorgestellt wo dann auch von seinem ganzen Körper ein CT erstellt wurde. Der leitende Orthopäde dort ist so eine Art Vertrauensperson für uns. Nach Auswertung aller Befund war er ratlos. Anhand der Befunde gab es eigentlich, so man im Sinne und zum Wohle des Tieres entscheiden wollte, nur die sofortige Euthanasie.

Trotzdem, er hatte ja diesen trotz Allem vor Lebensfreude sprühenden lieben Kerl vor sich, gab er zu es nicht übers Herz zu bringen. So bekam Chico eine langfristige Schmerztherapie verordnet und wir die Ermahnung nur ja nicht den Zeitpunkt zu verpassen ab dem er sich quält. So erlebte Chico nicht nur seinen Geburtstag, sondern auch Weihnachten und den folgenden Sommer und es wurde wieder ein Geburtstag geschafft und wieder war es Winter geworden.

Chico ging es trotz aller Maßnahmen immer schlechter. Selbst im isolierten Zwinger mit beheizter Hütte verfiel er zusehends. Im OG unseres Hauses war ein Zimmer frei. Die steile Holztreppe allerdings für Chico indiskutabel. Den ganzen Spätsommer hatte ich draußen kräftig gewühlt, es waren 300 laufende Meter Metallgitterzaun in 2,20m hoch gesetzt worden und ich war ziemlich ausgelaugt. Es half nichts, ein Aufzug musste gebaut werden, sofort und schnell. Mit professioneller Hilfe unseres Freundes Hartmut, einem genialen Schlossermeister aus dem Nachbarort, wurde nach meinen Ideen das Projekt realisiert. Während der Arbeiten kam dann noch die verrückte Idee auf, Chico den Umzug ins Haus zu Weihnachten zu schenken. Puh, jetzt kam Stress auf. Harmut hat alles gegeben und war am 23.12. mit den Schweißarbeiten fertig. Am 24.12. klingelte mein Wecker um 2 Uhr in der Nacht. Gegen 2.30 begann ich damit die entsprechenden Teile des Aufzugs zu grundieren. Am heiligen Abend gegen 22 Uhr wurde der Lack aufgebracht.

Am 1. Weihnachtstag, früh gegen 6 Uhr ging es weiter. Das die Farbe noch nicht durgetrocknet war hatte ich befürchtet. Die Arbeit wurde damit nicht angenehmer. Egal, Augen zu und durch. Ein Riesen Vorteil ist unsere Wohnlage hier. Wo sonst hätte ich am 1. Weihnachtstag früh um 7 Uhr mit der Kreissäge die Bodenplatte für den Fahrkorb zuschneiden können? Gegen 10 Uhr kamen liebe Freunde zu Besuch. Sie wollten an Chicos Umzug teilhaben, es life erleben. So hat Herbert mir geholfen die Wände im Fahrkorb zu verschrauben. Um 14.15 Uhr Fertigmeldung. Chico aus seinem Zwinger geholt, eine Pipirunde über die Wiese gegangen und nach oben gefahren. Skeptisch war er wohl, aber er vertraute uns und landete in seinem neuen Reich, wo er mit vielen Leckerchen von unseren Freunden und mir begrüßt wurde. Die im Zimmer aufgestellte zusammenfaltbare Hütte hat er sofort in Beschlag genommen und ja, hätte er ein Display auf der Stirn gehabt so hätte dort der Schriftzug „gefällt mir“ geblinkt.

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Diese leuchtenden Augen zu sehen, das war die Mühe wert. Danke an dieser Stelle nochmals an Hartmut, den Schlossermeister. Auch sonntags hat er 10 Stunden lang geschweißt, um das Weihnachtswunder möglich zu machen. Leider ist Hartmut mit gerade einmal 57 Jahren bei der Arbeit neben einem Mähdrescher tot umgefallen. Er fehlt uns sehr als Mensch, als Freund. Als Handwerker ist dieses Ausnahmetalent unersetzlich und hat bei einer Vielzahl von Kunden eine Lücke hinterlassen, die sich nicht schließen lässt.

Chico hat sein neues Leben in vollen Zügen genossen und wieder mal am 2.10. Geburtstag gefeiert. Allerdings, so, wie der Herbst fortschritt, baute Chico allmählich ab. Offenbar waren die enormen Kräfte, die der kleine Kämpfer durch Freude, bisweilen gar Euphorie und unglaubliche Willenskraft mobilisiert hatte, allmählich verbraucht. Das Aufstehen wurde mühsamer, das Laufen weniger. In der 2. Novemberhälfte ging es schlagartig, dass er sich fast gar nicht mehr rühren konnte.

Mit Schmerzmedikamenten und sonstigen Therapiemaßnahmen rappelte er sich wieder hoch, der alte war er aber nicht mehr. Es wurde Weihnachten und wir verlebten das 3.Weihnachten mit Chico. Allerdings war es nicht mehr zu leugnen, dass es wohl das letzte gemeinsame Weihnachtsfest sein würde. Silvester hat Chico auch noch mit uns verlebt. Als ich am 1.1. morgens in sein Zimmer kam konnte er nicht einmal mehr seinen Kopf heben. So begann das Jahr mit großer Trauer, Chico ging über den Regenbogen.