Bruno


 

Im Sommer 2013 nahm Moni an einem Seminar teil. Thema war das Zusammenführen von Hunden im Hinblick auf Rudelhaltung. Veranstaltungsort war ein Tierheim . Moni fuhr hin und scherzte dort vor Veranstaltungsbeginn ob das Tierheim denn auch Rottweiler hätte.

Diese Frage sollte zum Schicksal werden. Moni wurde intensiv befragt warum sie sich dafür interessiere. Nachdem sie sagte sie hätte 4 Rottweiler Zuhause, sämtlich Tierschutzfä(e)lle, wurden die Leute erst recht hellhörig. Ja, sie hätten einen bildschönen Rottweiler- Rüden, der leider so gestört sei, dass es wohl nie eine Vermittlung geben könnte. Wer Moni näher kennt wird wissen was nun folgte. Moni suchte nach Bruno, so hatten sie ihn nach dem Bären in Bayern getauft, denn er war ein Fundtier. Bruno wollte Moni zuerst wie jeden, der sich seinem Zwinger näherte, sofort auffressen. Nach einer Weile, Moni hatte quer zu ihm hockend beruhigend auf ihn eingesprochen, ließ Bruno zu, dass Moni ihn durch das Gitter kraulte. Der Anruf meiner tollen Rottimama, sie habe dort einen wunderschönen Rotti entdeckt wirkte wie eine Sirene.

Es sei eine ganz arme Socke an den sich niemand herantraute. Diesen euphorischen Ton kannte ich schon, da war großes im Gange. Na, mal sehen. Das Seminar begann und ich schaute mir Bruno auf der Webseite des Tierheims an. Ja, es war ein Prachtkerl. Ich rief im TH an, um mehr Informationen zu bekommen und gab mich als Monis Ehemann zu erkennen. Ja, Moni hatte wohl alle verblüfft denn mittlerweile marschierte sie mit Bruno über das Gelände. Ich ahnte, das Seminar wird nicht folgenlos bleiben. Es ist wohl müßig den Gesprächsverlauf nach Monis Heimkehr zu beschreiben und ebenso, wer bei der Diskussion unterlag. Bruno sollte, wenn überhaupt, zunächst als Pflegehund, aber mit konkreter Bleibeoption zu uns kommen sofern er auch mich akzeptierte./p>

Erst wenige Wochen zuvor war ich von einer Pflegehündin dermaßen zusammengebissen worden, dass ich den Samstagnachmittag auf dem OP- Tisch zubringen musste. Die Schmerzen und äußerlichen Spuren waren die eine Folge. Unsichtbar aber umso schlimmer waren meine Albträume und die plötzlichen Angstattacken bei Begegnungen mit fremden Hunden. So war ich also zunächst das größte Hindernis, so konnte es nur schiefgehen. Nun, ich habe mich zusammengenommen und regelrecht geübt wodurch es täglich besser wurde, zumindest bezüglich der Angst. Sobald ich glaubte so weit zu sein riefen wir das TH an, baten darum den Jungen zu kastrieren und vereinbarten einen Termin damit Bruno und ich uns auch kennenlernen konnten. Bruno erkannte Moni sofort und freute sich. Man setzte ihm einen Maulkorb auf und ließ ihn zu uns auf die Auslaufwiese. Er verhielt sich völlig unauffällig.

Abwechselnd haben mal Moni, mal ich uns vor ihm hingeworfen, um ihn auszutesten. Bei Moni schaute er nur hin, bei mir legte er kurz eine Pfote auf meinen Rücken, das war alles. Sofort mitnehmen ging leider nicht, weil Bruno erst am Vortag kastriert worden war und die Wundversorgung durch die dortige Haustierärztin abgeschlossen werden sollte. Knapp 2 Wochen später war also der große Tag, Bruno waren die Fäden gezogen worden und seinem Umzug stand nicht mehr im Wege. Es war beeindruckend wieviel Mühe man sich mit der Übergabe machte. Durch einen uns kurzfristig von dritter Seite angehängten Termin war es uns nicht möglich am vereinbarten Tag während der Öffnungszeit zum Tierheim zu fahren. Die Pflegerin gab uns ihre Handynummer und wir sollten anrufen, wenn wir vor dem Tor standen.

So geschah es auch. Überall sonst hätte man uns vorbereitete Formulare unterschreiben lassen, Bruno ausgehändigt und tschüs. Hier lief das anders. Draußen auf der Wiese hat sich Kathrin, die Pflegerin mit uns unter einen Baum gesetzt und uns aber auch wirklich jedes Detail, das sie über Bruno wusste, haarklein erzählt. Sie war diejenige gewesen die ausrücken musste als der Notruf einging, es sei ein sehr unfreundlicher Rottweiler herrenlos unterwegs. Über2 Stunden habe es gedauert bis sie ihn einfangen konnte. In seinem Hals war ein Halsband eingewachsen das unter Vollnarkose entfern werden musste.

Die Narbe blieb bis an sein Lebensende. Im TH zeigte er sich allgemein als Menschenfeind, besonders aber als Männerhasser. Der damalige Heimleiter ging nur im Vollschutzanzug zu Bruno. Über eine Stunde dauerte die vorbildliche Einweisung. Bruno entwickelte sich bei uns sehr gut. Er hing an Moni und war voll auf sie fixiert. Mich hat er toleriert, ich durfte mit ihm schmusen, ihn füttern, aber Gassigehen ging nur, wenn Moni nicht zu sehen war, oder auf ihre ausdrückliche Aufforderung. Nach 2 Monaten bekam er eine üble Bronchitis, weil er Tag und Nacht an seinem Zwingergitter gesessen hat, anstatt in seine beheizte Hütte zu gehen. Er bekam Antibiose und erholte sich zügig. Moni musste für ein paar Tage ins Krankenhaus. Somit war ich hier mit 2 Pferden und 5 Hunden allein.

Alles lief prima, sogar Bruno ging in seine Hütte und war pflegeleicht in der Handhabung. Moni kam heim, Bruno jubelte, saß am Gitter und wurde wieder krank. So hat der kleine Gauner uns erpresst und seinen Einzug ins Haus durchgesetzt. Stubenrein war er ab sofort. Gäste hat er bis zu seinem Tod nicht akzeptiert. Wenn Bruno seine Auslaufzeit hatte oder die Fütterung anstand wurden halt die Gäste weggesperrt. Man kann auch solche Umstände händeln, wenn man will. Bruno wurde älter und ging immer öfter lahm. Arthrosen überall lautete die Diagnose. Wir ließen bei ihm eine Goldakupunktur machen und konnten nicht verstehen warum sie nicht im gewohnten Umfang wirkte. Einige Wochen später kam die Erklärung. Bruno bekam an seiner Flanke eine Umfangsvermehrung, zeigte sich im Wesen verändert und zog sich stark zurück. Er hatte einen großen Milztumor, auch die Leber war befallen und in der Lunge waren reichlich Metastasen. 2 Wochen nach der Diagnose mussten wir ihn erlösen lassen.

Bruno war eine Herausforderung. Mit ihm zu leben stellte Ansprüche an uns. Für uns, vor Allem für Moni wäre Bruno durch jedes Feuer gegangen. So bedingungslos loyal war kein Rottweiler vor oder nach ihm. Wer die „Bedienungsanleitung“ verstanden und beherzigt hat konnte keinen besseren Schutzengel haben. Oft sprechen Hundebesitzer von ihrem verstorbenen Hund als Seelenhund oder Herzenshund. Für Moni war Bruno definitiv beides./p>