Brando


 

In den letzten Julitagen 2015 erreichte uns der Hilferuf einer Hundetrainerin von der Insel Rügen. Sie hatte einen 8-jährigen Rottweiler- Rüden in Obhut genommen der dringend ein neues Zuhause suchte da sein Herrchen verstorben war.

Wie es so ist, für seine Firma und sein Haus haben sich die Erben nicht lange bitten lassen, den zugegeben etwas brummigen Brando wollte keiner. Die PS hatte selbst mehrere Hunde und Pferde und handelte sich zur Abrundung noch einen Bänderriss ein, womit sie große Not hatte ihre eigenen Tiere zu versorgen. So war die Situation und ja, Monika wollte mal wieder helfen. Wenn er sich mit einer verwitweten Hündin aus unserem Bestand verstehen würde hätte er eine Chance.

Am nächsten Sonntagmorgen reiste Brando mit Hilfe von Freunden seiner PS zum „Vorstellungstermin“ an. Schnell war klar, Brando hatte mit seinem Herrn allein gelebt und dachte gar nicht daran seinen Singlestatus aufzugeben. Was tun? Brando war ein stattlicher Kerl, den seine PS wohl auch gernhatte, aber es passte halt hinten und vorne nicht. Bevor ich mein Veto einlegen konnte preschte Moni vor und entschied, dass Brando bleiben dürfe, wenn seine Leute sich dareinfinden könnten, dass er vorerst in einer 16m² Pferdebox wohnen müsse. Nun gab es kein Zurück mehr. Brando war in den ersten Tagen uns gegenüber skeptisch zurückhaltend.

Am 5.Tag wollten wir ihn vor dem Schlafengehen zum Lösen aus seiner Box holen und trauten unseren Augen nicht. Brandos Leib war aufgedunsen wie eine Tonne und er mochte nicht laufen. Selbst hatten wir bis dahin noch nie eine Magendrehung erlebt, waren uns aber nach all den Beschreibungen sicher, dass es sich hier um eine solche handeln müsse. Also Brando ins Auto gewuchtet und ab zur Klinik. Über die Fahrt über 35 KM Landstraße schweigen wir lieber. Moni hat uns derweil telefonisch in der Klinik angemeldet und Zuhause weiter die Hunde versorgt. Brando und ich wurden erwartet. Er wurde geröntgt, entgast und lag wenige Minuten später auf dem OP- Tisch.

Um 3 Uhr in der Nacht kam der Anruf aus der Klinik. Brando hatte alles überstanden, es war eine 360° Magendrehung und wir waren schnell genug gewesen. Am nächsten Vormittag fuhr Moni mit einer Freundin, die morgens gerade zu Besuch gekommen war zur Klinik. Brando habe alles sehr gut verpackt und wenn eine neuerliche Untersuchung es unbedenklich erscheinen ließe dürfe er mit nach Hause. Wie schön. Nach einer Weile lief die Untersuchung, bei der Brando nicht sonderlich kooperativ war und es kam das OK. Moni solle doch mit Brando vorsichtig ein wenig spazieren gehen und eine halbe Stunde später wieder in die Klinik kommen, um seine Medikamente abzuholen.

Keine 100m von der Klinik entfernt hätte es fast eine weitere Katastrophe gegeben. Aus dem Garten eines Mehrfamilienhauses ertönte lautes Hundegebell und schon kurz darauf schoss plötzlich ein American- Bulldog durch den maroden Maschendraht, der mit Schilfmatten verkleidet war, direkt auf Brando zu und griff ihn an. Moni hat Brando so gut es ging verteidigt, er selbst war ja kaum dazu in der Lage. Wieder hatten wir ein riesiges Glück, Brando kam mit einigen Blessuren und Quetschungen davon. Vorsichtshalber hat ihn die Klinik sofort wieder aufgenommen und bis zum Abend zur Beobachtung dabehalten.

Die folgenden 2 Wochen bereitete uns seine Wundversorgung viel Abwechslung. Brando dachte gar nicht daran Monika oder den Arzt an seine Wunde zu lassen. Selbst mit Maulkorb war sein Gurgeln und Toben furchteinflößend. Alles in Allem erholte sich der Bursche sehr gut und wir konnten ihn nun näher kennenlernen. Brando muss wohl mit Futter oft geärgert worden sein. Ihm ein Leckerchen aus der Hand zu reichen bedeutete blutige Finger zu bekommen, so gierig schnappte er nach den Leckereien.

Sicherer war da die „Serviermethode“ per „Luftpost“. Man warf die Leckerlies in die Luft, Brando fing sie im Flug und ließ dabei ein markerschütterndes „Klack“ seine Zähne hören. Wehe dem Körperteil, das dazwischengeriet. Auch war es ein längerer Lernprozess für ihn, zu ertragen, dass jemand beim Fressen im Raum blieb, aber diese Hürde haben wir genommen. Ja, gerade meine Finger/Hände hatten es ihm angetan. So habe ich ihn einmal einen Apfel fressen lassen wobei ihm unbemerkt ein Stück auf den Boden fiel. Spontan zeigte ich mit dem Finger darauf und war binnen Sekundenbruchteilen um eine sehr schmerzhafte Erfahrung reicher.

Es war wohl die Angst um seine Beute, die so tief in ihm steckte, dass er nie zu 100% davon abkam, man also nie aufhören durfte auf seine Finger zu achten. Ansonsten entpuppte sich Brando mehr und mehr zu einem ruhigen und verschmusten Knuddelbären. Was er einmal hatte betrachtete er als seins und dachte nicht daran etwas wieder herzugeben. Irgendwann zeigte er sich Appetitlos und hatte Probleme beim Kotabsatz. In der TiHo in Hannover staunte man nicht schlecht als man seinen Magen röntgte und auf dem Röntgenbild eine Holzschraube in seinem Magen zu sehen war und auch noch etwas, was man nicht zuordnen konnte.

Wieder Zuhause haben wir täglich mehrmals rohes Sauerkraut an Brando verfüttert in der Hoffnung die Schraube und das sonstige Material würden von den Sauerkrautfäden eingewickelt und dann gefahrlos den Darm passieren. Nach 3 Tagen fuhren wir zur Röntgenkontrolle. Leider hatten wir keinen Erfolg gehabt. Der oder besser die Fremdkörper musste per Endoskop aus seinem Magen geholt werden. Nachdem der Eingriff gelungen war hat man mir scherzhaft vorgeschlagen Brando besser zu füttern, es wäre wohl preiswerter. Aus seinem Magen hatte man besagte Schraube, eine alte Socke und diverse Glasscherben herausbefördert und war dabei hart an die Grenzen des Machbaren gestoßen. Brando hat diese Tortur gut verpackt, so schien es zumindest. Etwa 3 Wochen später waren wir mit ihm auf unserer Auslaufwiese gewesen und wieder zurück in seinem Zimmer. Wie gewohnt warf ich für ihn ein Leckerchen in die Luft. Brando sprang kurz mit den Vorderpfoten hoch um sich sein Leckerchen wie gewohnt aus der Luft zu schnappen was auch gelang und gab dann kurz einen Schmerzlaut von sich. Etwa 5Tage später hatte er erneut eine Magendrehung und wieder hatten wir das Glück schnell genug zu sein.

Bei der ersten Magendrehung war wie üblich der Magen an der Bauchwand fixiert worden, um eine erneute Drehung zu verhindern. Bei dem endoskopischen Eingriff, als man die Socke u.s.w. herausgeholt hat, ist diese Nahtstelle mit hoher Wahrscheinlichkeit abgerissen und so konnte sich der Magen erneut drehen. In der Folgezeit litt Brando häufig unter Blähungen und sonstigen Problemen im Verdauungstrakt. Eine umfangreiche Untersuchung brachte hervor, dass er Veränderungen an der Milz und der Leber, sowie Verdacht auf Prostatakrebs, Darmkrebs und Magenkrebs hatte. Massenhaft Arthrosen und Spondylosen plagten ihn ohnehin schon. Wir haben uns bemüht, ihm möglichst die Schmerzen zu nehmen und ihm seine verbleibende Zeit bei uns so angenehm wie möglich zu gestalten. Brando war wahrlich nicht leicht zu lesen, dennoch war er ein toller Kerl der, sofern man seine „Bedienungsanleitung“ beherzigte, ein verschmuster, loyaler und extrem ruhiger Rüde war.