Alina & Hugo


 

Es war Anfang Oktober 2013 als wir von unserem Partnerverein um Hilfe gebeten wurden. Ein etwa 7- jähriger Rottweiler-Rüde bräuchte dringend ein neues Zuhause. Der örtliche Tierschutz habe ihn abgelehnt obwohl die Nachbarn, die sich um ihn kümmerten, ihn als lieben Kerl bezeichneten.

Wir wurden gebeten den Jungen schnellstens in unsere Obhut zu nehmen. Zunächst waren wir nur Pflegestelle, der Junge wurde von dem Verein mit einer OP-Versicherung bedacht und wir hatten das Vorrecht ihn zu adoptieren. So startete ich am folgenden Sonntagmorgen in die Gegend von Riesa in Sachsen. Am Ziel angekommen erwartete mich der Nachbar, der Hugo, so hieß der Rüde, die ganze Zeit betreut hatte. Hugos ehemaliger Besitzer befand sich dauerhaft in einer beschützenden Einrichtung nachdem er nach jahrelangen Alkoholexzessen einen Totalabsturz erlitten hatte und nunmehr unter rechtlicher Betreuung eines Anwalts stand. Von dieser Kanzlei waren auch die Übergabepapiere abgezeichnet. Nun, das also war Hugo. Vor mir stand ein regelrechter Bär von Rottweiler mit einem für seine Rasse ungewöhnlichen Kinnbart wie bei einem Riesenschnauzer. Hugo blieb absolut gelassen als ich nähertrat und musterte mich skeptisch interessiert.

Plötzlich machte er Männchen, legte mir die Vorderpranken auf die Schultern und schaute mir Auge in Auge ins Gesicht. Hier gab es nur eine Option, ruhig bleiben. Ich sprach ihn an, sagte er sei aber ein ganz besonderer und forderte ihn freundlich auf wie der auf alle Viere zurückzugehen, was er umgehend auch tat. Die Eingangsprüfung hätte ich wohlbestanden meinte der Nachbar trocken, später sollten wir lernen, dass Hugo vorrangig Männer so ausgetestet hat. Er leinte Hugo ab und ich erhielt mehr Informationen. Den Besitzer habe man bewusstlos aufgefunden, es sei nicht anzunehmen, dass er jemals die Einrichtung verlassen könnte. Mit Hugo hätten noch eine Hündin und ein Sohn von Hugo dort gelebt. Der Sohn sei etwa ein Jahr alt und im Umfeld vermittelt. Die Hündin hätte der örtliche Tierschutz abgeholt, sich aber geweigert Hugo mitzunehmen. Weil Hugo, wie viele Rottweiler, bei fremden Menschen, die sich seinem Zwinger näherten, an sein Gitter sprang und ein Mordstheater machte. So zogen diese Premiumtierschützer mit der zuckersüßen vierjährigen Alina im Gepäck ab, nicht ohne den Rat zu hinterlassen, dass man diesen hochaggressiven Rüden wohl am besten erschießen sollte. Es sprach sich in dem kleinen Ort offenbar sehr schnell herum, dass jemand da war, der Hugo abholen wollte. Es geschah etwas, was ich weder überhaupt für möglich gehalten noch jemals davor oder danach erlebt habe. Der junge Mann, der Hugos Sohn adoptiert hatte, kam mit Hugos Sohn, weil sich beide von Hugo verabschieden wollten. Es war sehenswert wie Vater Hugo und sein Junior einander gegenüberstanden. Von den Männern erfuhr ich, dass der Junior vor kurzem noch ein Loch in den Maschendraht im Zwingerauslauf gebissen hatte, um an Hugos Futter zu kommen und die beiden eine heftige Keilerei hatten. Nun stand Junior mit hängender Rute und gesenktem Kopf vor Papa Hugo. Es kamen immer mehr Leute, gefühlt der halbe Ort, zusammen, um von Hugo Abschied zu nehmen.

Im Gespräch mit den netten Leuten erfuhr ich, dass Hugo und Alina die „Produktionsmaschinen“ der Welpenfabrik gewesen seien. Mit dem Welpenverkauf sei der Suff finanziert worden. Alina sei als Welpe dorthin gekommen, habe nie in ihrem Leben Welpenfutter oder eine Impfung bekommen. Mit der ersten Läufigkeit sei sie von Hugos Vorgänger und danach bei jeder Läufigkeit von Hugo belegt worden um wie eine Maschine Welpen zu werfen. In ganz Sachsen gäbe es wohl keinen Schrottplatz der nicht von einem Rottweiler aus dieser „Produktion“ bewacht wurde. Bei ihrem letzten Wurf, Alina war zu diesem Zeitpunkt knappe 4 Jahre alt, wäre sie während der Geburt fast verendet. Nachbarn baten den örtlichen Tierarzt um Hilfe, der den Besitzer im Getränkemarkt zur Rede stellte. Dessen Reaktion war, Alina in einen abgelegenen, dunklen Hühnerstall ohne Futter und Wasser zu sperren. Sie sollte „krepieren“. Alina sei so eine liebe, zuckersüße Maus, ich möge doch bitte in mich gehen ob es nicht eine Chance gäbe Alina auch noch mitzunehmen. Im Handumdrehen war die Telefonnummer des Tierheims herbeigeschafft, leider war dort sonntags geschlossen. Über Hugo erfuhr ich noch, dass er bei einem Rentner im Großraum Berlin aufgewachsen sei. Als dieser Mann erfuhr, dass er an Krebs erkrankt sei suchte er per Zeitungsanzeige nach einem guten, neuen Zuhause für Hugo.

Bei der Auswahl der Bewerber gab für ihn die Aussage, dass jahrzehntelange Hundeerfahrung und ein großes Haus mit riesigem Garten vorhanden sei, sowie das Angebot die halbe Strecke nach Berlin entgegen gefahren zu kommen, den Ausschlag. So hat es Hugo, den Berliner, in die Sächsische Provinz verschlagen. Hugo erfuhr viel Gewalt durch seinen neuen Besitzer. Brachte Alina bei einem Wurf nicht genug Welpen bekamen beide Schläge und Tritte. Es muss über Jahre so gegangen sein bis Hugo eines Tages der Kragen platzte und er sich dermaßen zur Wehr setzte, dass sein Besitzer für 3 Wochen im Krankenhaus verschwand (leider nicht länger). Als er zurück kam hat er sich Hugo vorgenommen und derart misshandelt, dass man fast im ganzen Dorf Hugos Schreie hören konnte. Wir wurden unglaublich herzlich verabschiedet. Mit vielen Eindrücken im Gepäck trat ich mit Hugo die 4stündige Heimreise an. Lange bevor ich die Hälfte der Strecke zurückgelegt hatte stand fest, dass Alina nachgeholt werden sollte. Am nächsten Tag begann ein tagelanger Telefonmarathon. Alina vermitteln durfte bei dem Tierschutzverein nur die Vorsitzende, die habe aber ihren freien Tag. Am nächsten Tag schoss mir der Blutdruck hoch als mir die Vorsitzende eröffnete ich dürfe Alina auf keinen Fall bekommen da ich ja den Hugo schon hätte und somit klar wäre, dass ich züchten wollte. Nachdem ich ihr den Wind aus den Segeln genommen hatte mit meiner Begründung, dass wir als Rottweiler-Gnadenhof doch ganz sicher andere Ziele hätten als die Welpenproduktion, habe ich ihr auch noch unsere §11 Genehmigung zugefaxt. Im Gespräch erfuhr ich dann auch noch, dass Alina dort im Tierheim bei einem Vermittlungsversuch von dem Labbi- Rüden der Interessenten zusammengebissen worden war. Ich sollte 350€ für Alina bezahlen da ja durch die Verletzung Tierarztkosten angefallen seien. Ich konterte, dass diese Kosten doch die Labbibesitzer oder ihre Versicherung zu tragen hätten. Die Antwort war genial. Die Menschen in diesem Landstrich hätten kein Geld und könnten sich auch keine Versicherung leisten. Da ich mir ja mehrere Rottweiler halten könnte und offenbar aus den alten Bundesländern stamme wäre es doch für mich kein Problem den Betrag zu zahlen.

Mir reichte es, ich beendete das Gespräch. Auf den Übergabepapieren für Hugo fand ich die Kontaktdaten der Anwaltskanzlei, die die Vormundschaft für Hugos und Alinas Vorbesitzer hatte. Ich rief dort an um dort um Vermittlung zu bitten. Zufällig war die Gattin des Anwalts am Telefon. Sie bedankte sich herzlich für Hugos Rettung und war von der Idee, Alina nachzuholen, rundweg begeistert. Sie versprach, sich um die Angelegenheit zu kümmern. Eine knappe Stunde später rief mich die hörbar zerknirschte Tierheimleiterin an und teilte mir mit ich könne Alina abholen da ich ja anscheinend über sehr gute Kontakte verfüge. Die Schutzgebühr sollte jetzt 100€ betragen. Ich sagte zu Alina am folgenden Samstag bis 12 Uhr zu holen. Über die Gebühr habe ich mich geärgert im Hinblick auf die Tatsache, dass Alina wegen der Beißerei auch noch tierärztlich versorgt werden musste und man es in 6 Wochen nicht zustande gebracht hatte Alina zu impfen, aber mir war das Geschacher um dieses arme Geschöpf einfach zuwider und so willigte ich ein. Der Schatz, der mir am vereinbarten Termin übergeben wurde, war klapperdürr. Niemals davor und danach habe ich einen derart abgemagerten Rottweiler gesehen. Stramme 26 KG zeigte die Waage des Tierheims an. Alina war lieb, bildschön, aber ein einziges Häufchen Elend. Unsere romantische Vorstellung war ja, sie und Hugo wieder zu vereinen, sie also zusammen in Hugos 16m² Zwinger mit 2 Hütten leben zu lassen.

Das haben wir nach dem ersten Blick auf den kleinen Schatz vorerst verschoben und dann etliche Wochen später probiert. Alina war einfach ein kleiner Schatz. Sie liebte Komfort wie kuschelige Kissen in ihrer Hütte und weiche Decken an ihrem Liegeplatz. Hugo wiederum spielte den harten Mann und zerfetzte alles in seinem Appartement was auch nur annähernd dem Komfort diente. Das sollte seine Entscheidung sein. Schade war allerdings dass er, als Alina bei ihm einzog, auch all ihre geliebten Komfortartikel schredderte und Alina verstört in ihrer Hütte hocken blieb und so ihr geliebtes Kissen schützte, indem sie darauf liegen blieb. Tja, da hatten wir uns mit unserer „Menschendenke“ eine gehörige Lektion eingefangen. Zusammen Gassigehen, zusammen freien Auslauf genießen, gemeinsam mit uns kuscheln, alles überhaupt kein Problem. Aber, gemeinsames Schlafzimmer?? Niiieeeemals!!!!!! So durfte Alina bald wieder in den Nachbarzwinger zurück. So, Wand an Wand und mit Sichtkontakt war die Welt perfekt. Schon nach wenigen Wochen fiel bei Hugo auf, dass auf seinen Kothaufen immer, auch zunehmend, Blutstropfen aufgelagert waren. Ein Tierarztbesuch brachte die, wie wir später lernen sollten, Fehldiagnose er habe Prostataprobleme und müsse dringend kastriert werden. Dumm nur, dass die Probleme nach der Kastration zunahmen.

Er habe einen Haarriss im Darm, den wohl harter Kot bei geschwollener Prostata verursacht habe. Letztlich, nach weiteren Arztbesuchen war es ein bösartiger Tumor im Enddarm. Da er schon ein Stück weit fortgeschritten war( die Fehldiagnosen hatten wertvolle Zeit gekostet in der der Tumor prima wachsen konnte) hat der Operateur ihn nicht zu 100% entfernen können, weil sonst ein künstlicher Darmausgang notwendig geworden wäre. Die Fehldiagnosen und die völlig unnötige Kastra hatten Hugo viel wertvolle Zeit gekostet. Er wurde fortan mit homöopathischen Krebsmedikationen behandelt und entwickelte sich wie Alina auch zum Goldschatz. Die beiden wurden schnell zu den Favoriten unserer Gäste. Groß war der Schock als Hugo quasi über Nacht blind wurde. Im Vorlauf hatte er sich verändert, oft zurückgezogen und mochte nicht mehr in seinen Zwinger. Ein MRT von seinem Kopf brachte den Horror zutage. In seinem Kopf befand sich ein faustgroßer Tumor und das restliche Hirn war von Metastasen durchzogen. Ihn nicht mehr wach werden zu lassen war der letzte Gefallen, den wir diesem sanften Riesen tun konnten. Die leitende Neurologin war schockiert.

Hugo muss unvorstellbare Schmerzen gehabt haben und es wäre absolut nachvollziehbar gewesen, wenn er wie wild um sich gebissen hätte. Sie selbst hatte mir Hugos Leine aus der Hand genommen und war mit ihm quer durch die Klinik zum MRT marschiert wobei er vom Verhalten absolut unauffällig war. Alina, oder Ali, wie ich sie meist nannte, eroberte weiter reihenweise die Herzen im Sturm. Bei ihr wurde ein Tumor an der Milz festgestellt den wir engmaschig mit Ultraschalluntersuchungen beobachtet haben. Arthrosen setzten ihrem Gangwerk zu weswegen sie eine Goldakupunktur bekam, die ihr sehr gut tat. Kurz danach durfte sie auch in ein Zimmer im Obergeschoß unseres Hauses umziehen. Nach einiger Zeit begann sie wieder stark zu lahmen und die Untersuchung brachte wiederum einen Schock. Ali hatte im rechten Schultergelenk ein Knochensarkom, also hochaggressiven Knochenkrebs im Endstadium. Es blieben uns nur noch wenige Wochen um sie rund um die Uhr zu betreuen und zu verwöhnen. Dann mussten wir auch diesen Engel gehen lassen. Mit Alina und Hugo war es uns vergönnt zwei Himmelsgeschenke auf 4 Pfoten bei uns beherbergen zu dürfen. Sie werden nicht nur von uns, sondern auch von unzähligen Fans schmerzlich vermisst.